Content und Themen
Wie Timo Themen findet und ordnet: Style vor Themen, Impulsivität, der Themenbaum und die Symptomebene.
Style vor Themen
Timos eigene Herausforderung war nie, zehnmal am Tag zu posten. Das war für ihn nur der Weg. Sein Ziel ist, die Lücke zu schließen zwischen der Person, die er ohne Kamera ist, und der Person vor der Kamera. Die Themen kommen für ihn erst dahinter.
- Den Content-Teil selbst hält er für den leichten Teil. Schwerer wiegt, den eigenen Stil zu finden und die Hemmschwelle zu senken.
- Ausdrücklich seine Überzeugung, die er selbst als mögliches Wunschdenken bezeichnet: Social Media bewegt sich zu interessanteren Charakteren hin, weg von frisierten Accounts.
Impulsiv statt im Kopf
- Kommt ein Impuls, etwas aufzunehmen, will Timo ihn nicht bewerten, ob das Reel eine Chance hat. Sobald er in seinen Kopf gerät, passieren dort nach eigener Aussage wenig gute Dinge.
- Er kann virale Reels nicht vorhersagen. Als Beleg nennt er, dass er die Elemente eigener viraler Reels wiederverwendet hat und es nicht wieder viral ging. Es steckt ein Zufallselement darin.
- Kommt der Impuls in einem Moment ohne Kamera, gehört er in eine Notiz. Die Notiz muss so umfangreich sein, dass man sich später an den Kern erinnert. Beim Aufnehmen kann man nicht in die alte Energie zurück, sondern muss in die aktuelle Stimmung wechseln.
- Sein Rat an eine Teilnehmerin, die ihr Profil aufbaut: “Lad das einfach hoch. Du hast eine Idee, veröffentliche die einfach. Just do it. Nimm die Scheiße einfach auf und lad die hoch.” Niemand weiß vorher, was ankommt: “Wir können Jesus zurückholen und er wäre beim vollen Instagram-Algorithmus: I don’t know.”
- Die große Gemeinsamkeit aller seiner viralen Reels: Er hatte vorher nicht den Hauch einer Ahnung. Beispiel: Ein Brief vom Finanzamt über 100.000 Euro, er ging vor die Kamera und war einfach wütend. Das Reel hat nach seiner Erinnerung 300.000 bis 500.000 Views.
- Auf den Einwand, man könne nicht alle Ideen hochladen: “Of course you can. Maybe you even should.” Und: “Ihr alle kommt auf Ideen. Ihr packt die nur schnell genug in den Papierkorb in eurem Kopf. Just don’t do that.” Geschwindigkeit und Leichtigkeit entstehen dort, wo man aufhört vorzufiltern.
- Kein bestimmter Zustand nötig. Im Abschluss Call, an eine Teilnehmerin mit schwankender Energie: Dass man in einem bestimmten Zustand sein muss und nur dieser Zustand hilfreich ist, hält Timo für ein Narrativ. Man kann keinen Bock haben und Sachen machen, man kann genervt sein und Sachen machen.
- Imperfektionen drinlassen. Das Ungeskriptete setzt die Hürde nach unten. Wer anfängt, eine Imperfektion herauszuschneiden, muss gefühlt auch die nächste schneiden, braucht dann Sound und hält plötzlich nichts mehr für gut genug. Sein Gegenmittel: “Alles, was es braucht, ist ein Mensch, eine Kamera und ein Mikro.”
Freestylen mit einem Punkt
Wie ein Reel bei Timo konkret entsteht, aus dem Learnings Call.
- Er weiß in etwa, was er erzählen will und was der Punkt ist, den er machen will, und erlaubt sich zu freestylen.
- Sein Bild: Wer einen Fluss über Steine überqueren will, sucht sich vorher aus, über welche Steine er geht. Mehr macht er nicht. Jedes Wort vorzuplanen wäre, als würde man planen, mit welchem Fuß man von Stein zu Stein kommt. Dann dreht er ab und verliert sich.
- Er kennt seine Stimmung, versucht sie nicht zu verändern, und weiß in Punkten, worüber er redet. Das ist alles.
- Ein Punkt pro Reel reicht. “Hier ist der Punkt, den ich machen will. Ein Punkt, nicht 20.” Es braucht keine vollständigen Antworten.
- Mit der Zeit schleichen sich Formulierungen ein, die zu deinen werden. Man findet eine Art zu sprechen, man hat sie nicht.
- Einschränkung, die er selbst macht: Er hat sein Leben im Marketing verbracht. Es kann sein, dass er in Hooks spricht, ohne über einen Hook nachzudenken.
- Sein bestes Reel im Verhältnis Views zu Followern beginnt mit “Ihr könntet alle zehnmal so viel Geld mit Online-Marketing verdienen”. Dafür hat er keine 20 Hooks aufgeschrieben, sondern kam gerade aus einem Call, in dem er sich mit einem Kunden genau darüber gebeeft hatte, ging raus und nahm die Kamera.
- Seine Überzeugung: Man kann nicht im Kopf entscheiden, ob etwas funktioniert. Es braucht einen guten Ausdruck im Moment, in Verbindung mit dem, was man fühlt. Wer es nur kognitiv betreibt, wird eine Marionette der Plattform.
Rund fünfzig wiederverwendbare Reels
- Das Ziel am Anfang ist herauszufinden, auf welche Themen Menschen bei dir reagieren, bis du etwa fünfzig Reels hast, die funktionieren.
- Diese Reels nimmst du immer wieder neu auf. Timos Beispiel: Jedes Mal, wenn ein bestimmtes Thema kommt, bringt das Reel ein Vielfaches der üblichen Views. Also nimmt er es monatlich neu auf.
- Das ist eng verwandt mit dem Gedanken der etwa dreißig tragenden Themen auf der Seite Strategie.
- In der Lektion des Tages vom 03.08. spitzt er es zu: Du wirst nicht für Kreativität belohnt. Es gibt keine Bonuspunkte dafür, das Rad neu zu erfinden. Ein funktionierendes Reel noch einmal zu produzieren fühlt sich wie Cheaten an, ist aber der Weg. Ein guter Hook darf fünfmal benutzt werden, auch als Bruder oder Schwester des Hooks, immer wieder, bis es nicht mehr funktioniert.
- Zur Angst vor Wiederholung sein Beleg: Auf 50.000 Views inhaltlich gleicher Reels kamen drei Kommentare der Sorte, du redest immer über das Gleiche. Und wie man wirkt, sagen die Followerzahlen, nicht das eigene Gefühl: “Die Zahlen sagen dir, so muss ich wirken.”
Themen finden mit einfachen Fragen
- Timo nutzt ChatGPT, um Themen zu finden. Seine Aufforderung: die hundert einfachsten und dümmsten Fragen, die Anfänger über sein Thema stellen, sortiert nach Einfachheit. Dabei kommen Fragen heraus, auf die er selbst nie gekommen wäre.
- Sein Beispiel für eine solche Frage: Wie lange dauert es, bis man mit Online Marketing Geld verdient? Für ihn banal, für einen Anfänger nicht.
- Insider Sprache vermeiden und den Content bewusst einfacher machen. Fachbegriffe positionieren dich als Experte, aber niemand hört lange genug zu. Wer verstanden werden will, muss herunterkommen mit der Sprache.
Der Themenbaum
- Der Baumstamm ist deine Positionierung, das eine Thema. Die Äste sind Unterthemen in verschiedene Richtungen.
- Der erste Monat ist dafür da, verschiedene Äste auszuprobieren. Das reduziert die mentale Last, worüber man reden darf und worüber nicht.
- Beispiel: Baumstamm Beziehung, Äste betrogen worden, die Beziehung retten, die Trennung vollziehen. Ausgearbeitete Fälle stehen unter Fallbeispiele.
Wer kauft ist nicht, wer Hilfe braucht
Für Timo die wichtigste Unterscheidung bei der Themenwahl.
- Sein Beispiel aus dem Bereich gewaltfreie Kommunikation: Die Mutter, die im Kinderzimmer raucht und deren Kinder Chips zum Frühstück bekommen, braucht die Information am dringendsten. Sie ist trotzdem nicht die Käuferin, und das hat nichts mit Geld zu tun.
- Die Frau, die kauft, macht nach außen fast alles richtig, ist eine besorgte, gute Mutter, und macht sich innerlich trotzdem Vorwürfe, weil sie nicht ruhig bleibt. Auf diese innere Belastung richtet sich der Content.
- Übertragen heißt das: Sprich mit den Menschen, die an einem Thema emotional zerbrechen, nicht mit denen, die es zwar betrifft, die aber kein Problem sehen.
Der Schmerzpunkt in die erste Sekunde
- Die ersten drei Sekunden sind kritisch. Symptome und Reizwörter gehören genau dorthin. Danach darf man das Tempo herausnehmen.
- Im Learnings Call schärft Timo das weiter: Idealerweise beginnst du mit dem Punkt. Wenn dein Thema Wechseljahre ist, hat das Wort Wechseljahre in Sekunde 1 zu fallen, notfalls rein als Ausrufezeichen. Wechseljahre. Finanzamt. Steuern. Damit die betroffene Person es instant versteht.
- Tempo heißt nicht, schnell zu sprechen, sondern fucking schnell zum Punkt zu kommen. Am Anfang braucht es keine Sätze und nichts grammatikalisch Korrektes, Stichworte reichen: “Trauma, damn, verdammt, kacke, ich hasse es.”
- Seine Begründung: Wir sind heftig trainiert auf die schnellen Filter in uns, mehr Zeit gibt es nicht.
- Man kommt sich dabei selbst dämlich vor, so schnell auf den Punkt zu kommen. Trotzdem ist es nötig, denn zum Herumreden bleibt keine Zeit.
- Timos Bild dazu: Wie ein Arzt, der beim Abtasten auf einen blauen Fleck drückt, hat man sofort die Aufmerksamkeit.
- Man muss das Gefühl nicht benennen. Man verbindet sich mit ihm, etwa mit Hoffnungslosigkeit, und nimmt von dort aus das Reel auf.
- Zu Hooks der Sorte “hier sind fünf Tipps”: Das ist nur eine Form von Hook. Eine andere Form kann genauso gut ein Ausdruck von Emotionen sein. Man kann sich gegen die Machart positionieren, wird aber feststellen, dass es schwierig ist, Menschen Komplexität zu verkaufen.
Die Säulen eines Themenbaums
Timos Rahmenwerk, mit dem man Content erzeugt. Die Reihenfolge folgt seiner Gewichtung.
- Das Thema selbst. Was ist es, was gehört dazu, welche Arten gibt es. Was ist Marketing, was ist Traumaarbeit, welche Arten von On-Off-Beziehungen gibt es.
- Die Symptomebene. Für Timo die wichtigste Säule. Menschen denken in Symptomen und Problemen, nicht in Lösungen. Man denkt in Kopfschmerz, nicht in Aspirin. Die Symptome gehören in die erste Sekunde. Seine Beispiele: People Pleasing, Perfektionismus, Kontrollbedürfnis, Angst, oder auch der Satz, dass jemand richtig gut und trotzdem pleite ist.
- Die Lösungsebene. Was man gegen das Problem tun kann. Die fünf Dinge, die drei Einstellungen, bestimmte Atemtechniken.
- Mythen und Glaubenssätze. Gut, um in der ersten Sekunde zu triggern. Zum Beispiel: Einmal Fremdgeher, immer Fremdgeher.
- Persönliche Geschichten. Eigene Erfahrungen, Frustration, Höhen und Tiefen, auch das eigene Versagen, emotional distanziert erzählt.
- Zusammenarbeit und Pitch. Wie eine Zusammenarbeit aussieht, wie lange sie dauert. Nur ein kleiner Teil des Contents.
Timos Verhältnisregel dazu: Der Großteil muss “hier ist etwas für dich” sein, nicht “so profitiere ich davon”. Wer neunzig Prozent darüber macht, wie man mit ihm zusammenarbeitet, gibt wenig Grund, ihm zu folgen.
Reels transportieren keine Kompetenz
- Timo sagt, Instagram sei für ihn in sich wertlos. Der Punkt ist, Menschen auf Telegram zu bekommen, wo eine tiefere Beziehung entstehen kann.
- In sechzig bis neunzig Sekunden lässt sich keine überlegene Kompetenz beweisen. Man verliert sich sonst in oberflächlichen Plattitüden.
- Die Aufgabe des Reels ist deshalb nicht der Beweis, sondern genug interessierte Menschen um sich zu sammeln und mit ihnen die nächsten Schritte zu gehen.
- In seinen Reels macht er keine Werbung, nur für die Telegram Gruppe.
Warum Telegram und keine E-Mail Liste
Timos Antwort auf die Frage aus dem Learnings Call.
- 1998 bekam eine Person eine halbe E-Mail pro Woche, Timo hat damals E-Mail Marketing gemacht. Heute ist jeder damit beschäftigt, sich aus Newslettern wieder auszutragen, und swipet nur noch durchs Postfach.
- Die Art, wie er Telegram benutzt, hat Podcast Charakter: Küche aufräumen, Kopfhörer rein und 20 bis 30 Minuten zuhören. 30 Minuten E-Mail lesen macht niemand, das wären etwa acht DIN A4 Seiten, und beim Anblick des Scrollbalkens ist der Leser weg.
- Er landet damit auf dem Telefon, nicht auf dem Computer. Kaum jemand hat E-Mail Benachrichtigungen auf dem Telefon an.
- E-Mail Newsletter funktionieren nur, wenn man richtig heftig gut schreiben kann. Sein Beispiel ist Tristan aus dem Marketingrecht, dessen Newsletter er ausdrücklich empfiehlt. Das Magische ist nicht der Newsletter, sondern ob man Menschen mit der Art zu schreiben faszinieren kann. Wer das nicht kann, landet zu schnell im Papierkorb.